Der Liegerad-Samurai, oder: 1300 Kilometer durch Japan
Lars Reisberg (30) bereiste Japan im vergangenen Sommer mit seinem Spezialrad. Der Unit-Manager einer Hamburger Online-Agentur und Liegerad-Fahrer aus Passion stellt Japan beste Noten aus: Ein ideales Land für Radfahrer. Reisberg flog mit JAL.

Lars Reisberg auf seinem Spezialrad
10
Uhr. Es geht
los. Tokyo beginnt zu brodeln. „Guten Morgen,
Rush Hour“, sage ich mir und rolle los.
Linksverkehr, Stop and Go. Ich bin anfangs etwas
eingeschüchtert, merke aber schnell, dass der
japanische Autofahrer genau so ist, wie der
Japaner an sich: Höflich, zurückhaltend und
respektvoll. Schnell komme ich voran und fühle
mich bereits nach wenigen Minuten sicher.

Tokyo aus der Perpektive des
Liegeradlers
So
sicher, wie
vor zwei Tagen in Frankfurt: Check-In bei JAL,
mein riesiger Pappkoffer, in dem mein Liegerad
sicher verpackt ist, zieht die Blicke vieler
Reisender auf sich. Sperrgepäck? Kein Problem,
der Service ist zuvorkommend, helfende Hände
tragen, lächelnde Gesichter beruhigen. Das kenne
ich bei anderen Airlines anders: Radfahrer mit
eigenem Rad? Hier schaut mich keiner an, als sei
ich ein Störfaktor im reibungslosen Gepäcksystem.
Ich fliege Economy und werde doch behandelt wie
First Class.
Japan mit dem
Liegerad –
1.300 Kilometer habe ich mir vorgenommen. Acht
Etappen sollen es werden. Von Tokyo zum mächtigen
Fuji-san, dann weiter an der Südküste Honshus bis
zum äußersten Zipfel der Atsumi-Halbinsel. An der
Südküste bleibe ich: Fähren nutzend, Kii-Hanto
durchquerend hinüber nach Shikoku, einer der
Hauptinseln und von dort aus bis nach Nagasaki
auf Kyushu. Dort will ich dann nach Norden stoßen
um meine Tour in Hiroshima zu beenden.

Japan ist ein bergiges Land –
eine Herausforderung für Radfahrer
1.300
Kilometer also. Und ich ahne es, es werden
etliche Höhenmeter. Schwieriges Terrain, harte,
unbarmherzige Anstiege: Japan ist Bergland, das
versprechen alle Reiseführer. Bereits am zweiten
Tag, Fuji-san hüllt sich leider in vornehmem
Nebel, fahre ich hier, als wäre ich daheim. Alle
grüßen, recken ihre Daumen nach oben, fragen,
nicken, bedanken sich. „Doitsu-jin des?“ – ja,
die Deutschen, die mögen sie. Und wenn sie dann
ihr Land so entdecken, wie ich es tue, umso mehr.
Viele meiner „Fans“ schenken mir Kaffee oder
kaltes Wasser, wollen ein Foto oder einen Film
von mir machen.
Die
Sprachbarriere ist da. Sicher. Englisch
sprechen die Menschen auf dem Lande kaum.
Aber, und
das fasziniert mich, mit Mimik, mit Gestik und
mit Fantasie bekomme ich trotzdem meine
Informationen. Wir sind eben alle Menschen. Aber
Gottseidank sind Straßenschilder auch in Englisch
und die Zahlen arabischer Art – ohne dies wäre
Japan zu entdecken, noch dazu allein, sicher um
einiges schwerer.
Ich
übernachte zunächst im Zelt. Die
Campingplätze sind zwar klein, kein Vergleich zu
den europäischen, aber sehr sauber, meist
familiär geführt. Dann, aus Zufall, entdecke ich,
dass die Hotels hier anscheinend doch nicht so
teuer sind, wie man daheim immer erzählt: 5.000,
6.000 Yen, das sind 40, 50 Euro. Und so eine
heiße Wanne nach 150 Kilometern Tagesetappe, die
gönne ich mir gern.

Fahrrad vor Bambushain im
ländlichen Japan
An und für sich staune ich über die Preise hier.
Teuerstes Reiseland der Welt? Kann sein, dass das
die Finanzkrise ist, aber ich stelle keinen
Unterschied zum deutschen Preisgefüge fest. Im
Gegenteil.
Es ist
heiß, manchmal bis zu 40 Grad, wenn
ich draußen in der Sonne fahre. Über Land, in der
Ebene, wenn sich die Vorteile des schnellen
Liegerades bemerkbar machen, stört mich das
nicht, aber im Anstieg, wenn mich die Vertikale
bis auf sechs Kilometer pro Stunde herunter
bremst, geht es an die Substanz. Viel trinken
heißt dann die Devise. Und da bieten die
Conbini-Stores, die sich mit schöner
Regelmäßigkeit alle paar Kilometer am Straßenrand
befinden, eine tolle Auswahl.
Pannen
habe ich
keine. Gutes Material muss man fahren. Aber auch
wenn, ich hätte mir keine Sorgen machen müssen,
im Land von Shimano und Koga-Miyata. Und so
kämpfe ich mich, mal nur 100 Kilometer am Tag,
aber auch mal bis zu 180 Kilometer am Tag durch
beeindruckende Landschaften. Sehe schroffe Berge,
tiefe Bambuswälder und die überdrehten Städte mit
der kreischenden Werbung, den bellenden
Patchinko-Hallen und all den Manga-Teenagern und
den Schuluniformen. Ich fühle mich wohl hier, ja,
auch willkommen.
Und
doch – diese
seltsame, undurchdringliche Fremde, die mich so
fasziniert, sie kann ich nur besehen, bestaunen
und studieren. Verstehen, glaube ich, werde ich
sie nie. Oder muss ich einfach noch einmal
wiederkommen?
So finde
ich mich
nach einem anstrengenden, aber so unglaublich
belebenden Ritt in Hiroshima wieder, einer
lebendigen, manchmal verstörend fröhlichen,
grünen Stadt wieder, sitze in der Sonne, massiere
mir die harten Waden mit dem mitgebrachten
Franzbranntwein und kann es nicht fassen, dass es
morgen schon wieder zurück geht: Standesgemäß,
schnell, so wie mein ganzer Trip, mit dem
Shinkansen nach Tokyo.
Japan,
ein perfektes
Reiseland für Radler – ob liegend schnell oder
gemütlich.
Mehr Informationen zur Tour:
www.recumbentlyjapan.blogspot.com

Der Autor: Welten-Radler Lars
Reisberg
Fahrrad im
Flugzeug?
Eine Flugreise mit dem eigenen Fahrrad ist
weniger umständlich, als Sie denken: Bei JAL
kostet ein Fahrrad im Rahmen des zulässigen
Gesamtgewichts nicht extra.
Verpacken Sie Ihr Fahrrad gut in speziellem
Rad-Pappkarton - und ab geht es.
Ein bequemes Großraumtaxi reserviert Ihr Hotel
gern für Sie - die Fahrt von Tokyo-Narita nach
Shinjuku etwa kostet ca. 25.000 YEN (200
€). Oder Sie
radeln selbst ...
Schicken Sie den Radkarton zum Zielort oder
verwahren Sie ihn im Hotel, bis Sie wiederkommen.
Dann können Sie das Land bequem mit Ihrem eigenen
Rad entdecken - es gibt nichts
Schöneres.

