:: Herr Webler, viele junge Leute sind begeisterte Anhänger der japanischen Jugendkultur. Woher kommt diese Faszination?
Thomas Webler: Kultur, Entertainment und Kulinarisches aus Japan – von Manga über Sushi bis Rockmusik – haben einen ganz besonders exotischen Reiz abseits der vermeintlich ausgetretenen Pfade im westlichen Teil der Welt. Die japanische Popkultur bietet einen unglaublich eigenständigen und enorm abwechslungsreichen Fundus an medialer Vielfalt, an Geschichten, an Charakteren und an Genres. So ist es bei den Manga zum Beispiel nicht ungewöhnlich, dass eine Story Elemente aus Fantasy, Romantik, Sci-Fi und Martial-Arts zu einem bunten Ganzen vermischt. Die unzähligen Anime- und Manga-Geschichten bieten Lesern und Zuschauern aller Altersklassen, geschlechterübergreifend, und mit unterschiedlichsten Interessen die Möglichkeit, in vielfältige Welten abzutauchen, die je nach Story alle miteinander verknüpft sind. Diese Art der Unterhaltung beherrschen die Japaner in Perfektion.
:: Anime, Manga, Cosplay. Da verstehen viele europäische Erwachsene nur "Bahnhof". Können Sie für die berühmte Aufklärung in fünf Sätzen sorgen?
TW: Bei Manga handelt es sich um „japanische Comics“, deren hierzulande erfolgreichste Vertreter zum Beispiel „Dragon Ball“ und „Naruto“ sind und mittlerweile wohl zum festen Sprachschatz eines jeden europäischen Jugendlichen zählen. Die „animierten Adaptionen“ der Manga nennen sich „Animes“, also „japanische Zeichentrickfilme“. Beim so genannten „Cosplay“ verkleiden sich die Anime- und Manga-Fans ihren Lieblingscharakteren der jeweiligen Serien gleich. Und zwar mit liebe- wie kunstvoll ausgearbeiteten, genähten und gebastelten Kostümen, die dann bei diversen Fan-Treffen in den „Cosplay-Wettbewerben“ gegenseitig vorgeführt werden. Man könnte das für absolut „Cosplay“-Unkundige auch als „Karneval der Anime- und Manga-Szene“ umschreiben.
:: Yu-gi-Oh war gestern. Was sind derzeit die angesagtesten Figuren und Helden der Anime-Szene?
TW: Nun, „gestern“ war „Yu-gi-Oh“ keineswegs. Die Serie, die Card- und Videospiele dieses Franchise erfreuen sich bei der jungen Zielgruppe ungebrochen großer Beliebtheit. In diesem Segment ist sicherlich alles was mit „Pokemon“ zu tun hat ebenfalls ganz vorne dabei. Als besonders angesagt hinsichtlich der größten Schnittmenge in Sachen Alter/Geschlecht ist aber sicherlich die Manga-Reihe „Naruto“ sowie deren Anime-Adaption. Und das Thema „Bleach“ steht dem in Nichts nach.
:: Wie groß schätzen Sie die Anhängerschaft der Anime, Manga und Co in Deutschland ein, und wie alt sind die typischen Fans?
TW: Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Es gibt Menschen in den Mittvierzigern, die immer noch in Nostalgie schwelgen, wenn sie an „Heidi“, „Biene Maja“, „Wickie“ und „Captain Future“ denken und diese Sendungen heute mit ihren Kindern schauen. Einige der Erwachsenen wissen vielleicht bis heute nicht einmal, dass es sich dabei um japanische Produktionen handelt. Wo 6- bis 12-jährige derweil von „Yu-Gi-Oh“ und „Pokemon“ begeistert sind, widmen sich 13- bis 16-jährige der Faszination „Dragon Ball“, „Naruto“, „Bleach“ und Co., also richtigen Jungenthemen mit Abenteuer und Martial Arts.
Cineastisch interessierte, junge Erwachsene im Alter von 18 bis 35 Jahren frönen derweil dem Anime-3D-CGI-Movie-Genuss mit Klassikern wie „Akira“ und neuen Produktionen wie „Appleseed EX Machina“. Die weiblichen Fans gleichen Alters erfreuen sich eher an Fantasy-Manga-Storys oder an School-Romance-Comedys im Anime-Segment. Das Thema Anime & Manga begeistert mit verschiedenen Genres alle Altersklassen. Das macht die große Faszination des Themas aus – und so setzen sich auch die Inhalte sowie die Leserschaft der AnimaniA zusammen.
:: Wer japanische Kultur mag, will sicher auch irgendwann Japan, das Mutterland der Szene und Tokyo, die Welthauptstadt der coolen Jugendkultur sehen. Wie hoch schätzen sie das Potenzial an jungen Japan-Reisenden ein - und welche besonderen Angebote gibt es für die junge Zielgruppe?
TW: Ich spreche einmal für die AnimaniA-Leserschaft – und hier bin ich mir absolut sicher, dass jeder/jede Einzelne den Wunsch hegt, einmal nach Tokyo zu reisen. Die Fans möchten den Puls, den Anime und Manga in Tokyo ausmachen, hautnah erleben. Welcher Fan träumt nicht davon, sich in den riesengroßen „Animate“-Kaufhäusern auf mehreren Etagen ausschließlich dem Stöbern von Anime, Manga und Merchandise zu widmen? Man möchte aber auch einfach die japanische Lebensweise „erleben“, das Zusammenspiel von traditionellen Werten und einer von Hightech geprägten Metropole. Nirgends in Japan wird das so deutlich wie in Tokyo.
:: Gibt es organisierte und betreute Reisen für junge Anime-Fans nach Japan?
TW: Wir empfehlen unseren Lesern immer wieder den Besuch der JAL-Websites – öfters im Jahr gibt es hier tolle Angebote, die die Reise nach Tokyo auch gleich mit dem Besuch zum Beispiel der jährlich stattfindenden Anime-Messe verbindet.
:: Was sind die Hauptevents für Comic- und Zeichentrickfilm-Fans in Japan – und gibt es dort auch verständliche Programme für europäische Besucher?
TW: Wer Anime- und Manga-begeistert ist und die Chance hat, nach Japan zu reisen, der hat die Tokyo International Anime Fair sowie die Comiket ganz dick im Kalender stehen. Bei der Tokyo International Anime Fair, kurz TAF, handelt es sich um die weltgrößte Messe für Anime, die jährlich Ende März in der Tokyo Big Sight stattfindet und rund 180.000 Besucher zählt. Diese Veranstaltung ist auch aufgrund der vielen Business-Besucher aus dem westlichen Ausland international ausgerichtet. Die Comiket, was für „Comic Market“ steht, findet zweimal im Jahr statt: Jeweils im August und Dezember können rund eine halbe Million Besucher hier Mangas von Hobby-Künstlern wie von bekannten Manga-Stars kaufen. Dieses Spektakel sollte sich kein Fan entgehen lassen.
:: Was raten Sie jungen Reisenden, die auf eigene Faust erstmals nach Japan reisen?
TW: Sie sollten sich zuvor genau über die Highlights und Sehenswürdigkeiten ihrer Reise informieren und wie sie am Besten von A nach B kommen. Je nachdem, in welchem Teil Japans man als nicht-japanisch-sprechender Tourist unterwegs ist, ist man bisweilen darauf angewiesen, sich mit Hand und Fuß zu verständigen – was auch eine abenteuerliche Erfahrung sein kann.
:: Japanische Kultur ist längst ein integraler Bestandteil unserer eigenen Kultur geworden. Sie selber veranstalten mit der Animagic Ende regelmäßig ein Szene-Event in Deutschland. Mit Erfolg?
TW: Die AnimagiC findet immer im Sommer in Bonn statt. Es war 2009 bereits die elfte AnimagiC-Veranstaltung, die von AnimaniA organisiert wurde und wir hatten in diesem Jahr rund 16.000 Besucher am gesamten Wochenende.
KURZ-PORTRÄT: ANIMANIA

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Seit 1996
informiert die Zeitschrift AnimaniA über Anime
und Manga und hat den expandierenden deutschen
Markt mitbegründet, von Beginn an redaktionell
begleitet und entscheidend mitgeprägt. Sie
erscheint monatlich im Verbreitungsgebiet
Deutschland, Österreich und der Schweiz und
begeistert die Leserschaft, die zu 60% aus
Jungen, 40% aus Mädchen mit einem
Durchschnittsalter von 17 Jahren besteht.
AnimaniA berichtet als einziges Magazin
Deutschlands direkt aus Japan und bietet
exklusive Interviews mit Regisseuren, Produzenten
und Zeichnern sowie Vor-Ort-Reportagen über
Anime-Studios. Neben den Kernthemen Anime und
Manga deckt das Magazin auf seinen 100 Seiten
darüber hinaus die multimediale Vielfalt Japans
ab: Das Themenspektrum erstreckt sich von
Realfilmen und Musik über Videospiele, Romane,
Artbooks bis hin zur allgemeinen Popkultur.
Täglich aktuell berichtet AnimaniA über all diese
Themen auf www.AnimaniA.de
Außerdem veranstaltet das Magazin seit 1999
jährlich die AnimagiC – mit über 15.000 Besuchern
an einem Wochenende Deutschlands größte Anime-
und Manga-Convention.
* Wir
danken dem Anime-Publisher OVA Films für die
Bereitstellung des
Bildmaterials

